Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief von vorhin, den ich umgehend beantworte weil ich mich von dem Vielen in das ich mich verflochten habe, anspruchsvoller Mensch der ich nun einmal bin, überwältigt fühle, und mir zuflüstere, wenn nicht jetzt, vielleicht nie. Betreff meines Briefes vom 2. Oktober, muss ich (mit Ariadne) klagen: "Weh, schon vergessen. Mein Kopf behält nichts mehr." Seit dem 20. Oktober, also seit fast vier Wochen, bin ich wieder in dem fast fertigen Haus auf Nantucket. Am 10. November, dann, erschien der mir seit zwanzig Jahren bekannte Zimmermann, Tim LeBlanc, - er hatte derzeit den Anbau des Hauses in Belmont fertiggestellt. Jetzt ist er seit sechs Monaten arbeitslos. Er ist 60 Jahre alt, in fragwürdigem Gesundheitszustand, humpelt ein wenig, und ist es zufrieden gegen sehr gute Bezahlung dies Haus nun endlich fertigzustellen. Warum? Wozu? Weshalb benötige ich außer dem großen Haus in Belmont, dem Elternhaus in Konnarock, nun noch ein drittes Zuhause mit dem weitem Blick über struppige Heide und Strand auf das an jedem sonnigen Tage hellglänzende Meer? Ich weiß es nicht. Vielleicht weil ich ungern reise, weil ich das Bedürfnis habe wo immer ich mich befinde, zuhause zu sein, und wo ich nicht zuhause bin, zuhause zu werden, in dem ich ein Haus baue. Das ich mich dieser Leidenschaften schäme, will ich nicht leugnen. Frage mich nun diesbezüglich, ob es möglich ist auch zu alt zu werden, sich zu schämen. In sieben Monaten sind es schließlich neunzig Jahre. Und wenn es auch möglich ist, sich über die geistigen Behinderungen hinwegzutäuschen, so bringt das mühsame Hinken an zwei Stöcken mir unverkenntlich zu Bewusstsein, wie es mit mir bestellt ist. Ich tröste mich mit der Hoffnung vor Jahresende mit einem mehr inhaltsreichen Briefe mir (und Euch) zu zeigen, dass mir das Denken noch nicht vÖllig abhanden gekommen ist. Herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen